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Von Schuld und Sühne Drucken

Cosmic - Heart -Texte ch_logo_100.jpg Kahlil Gibran: Der Prophet

Von Schuld und Sühne

Dann trat ein Richter der Stadt vor und sprach: "Rede uns von Schuld und Sühne." Und er antwortete also:

Wenn euer Geist abschweift, den Wind unter sich,
So begeht ihr, allein und unbewacht, ein Unrecht an andren und somit an euch selber.

Und für dies begangene Unrecht müßt ihr eine Weile pochen und harren am Tore der Seligen, ehe euch geöffnet wird.

Wie das Meer ist das Göttliche in euch.

Es bleibt ewig unbefleckt.

Und dem Aether gleich, erhebt es nur was beschwingt ist.

Wahrlich, wie die Sonne ist das Göttliche in euch;

Es kennt nicht die Gänge des Maulwurfs, noch sucht es die Höhlen der Schlange.

Doch das Göttliche wohnt nicht allein in eurer Brust.

Vieles in euch ist noch Mensch, und vieles in euch ist noch nicht Mensch,
Sondern ein formloser Zwerg, schlafwandelnd im Nebel, sein Erwachen suchend.

Doch von dem Menschen in euch möchte ich reden.

Denn er ist's - und nicht das Göttliche in euch, noch der Zwerg im Nebel- der Schuld und Sühne kennt.

Oft höre ich euch reden von einem der Unrecht tat, als sei er nicht einer von euch, sondern ein Fremdling unter euch und ein Eindringling in eurer Welt.

Doch ich sage euch: Wie der Heilige und Gerechte nicht höher steigen kann als das Heiligste, das in jedem von euch wohnet,

Ebenso kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen, als das niedrigste, das in euch liegt.

Und wie ein einzeln Blatt nicht vergilbt, ohne das stumme Wissen des ganzen Baumes,

So kann der Uebeltäter kein Unrecht tun, ohne den verborgenen Willen von euch allen.

Wie im Festzuge wandelt ihr gemeinsam eurem göttlichen Ich entgegen.

Ihr seid der Weg und die Wanderer.

Und fällt einer von euch nieder, so fällt er für jene hinter ihm, als Warnung vor dem Stein, woran er gestrauchelt.

Wahrlich, er fällt sogar für jene vor ihm, die, wenn auch flinker und sichrer zu Fuße, dennoch versäumten, den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen.

Und noch ein Wort, mag es auch schwer auf eurem Herzen wiegen:

Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung an seiner Ermordung.

Und der Beraubte ist nicht ohne Tadel wegen seiner Beraubung.

Der Rechtschaffene ist nicht ohne Schuld an den Taten des Bösen.

Und der, dessen Hände unbefleckt, ist nicht rein von den Vergehen des Verbrechers.

Fürwahr, der Schuldige ist oft das Opfer des Geschädigten.

Und noch öfter wird der Verurteilte zum Träger für die Lasten des Unschuldigen und Tadellosen.

Ihr vermöget nicht den Gerechten vom Ungerechten zu trennen, noch den Guten vom Bösen,

Denn vor dem Antlitz der Sonne stehen sie beieinander, so wie der schwarze Faden und der weiße zusammen verwebt sind.

Und reißt der schwarze Faden, so muß der Weber das ganze Gewebe prüfen und auch den Webstuhl unter-suchen.

Bringt einer von euch ein treuloses Weib vor Gericht, so wiege man auch das Herz des Mannes auf der Waage und messe seine Seele mit dem gleichen Maßstab.

Und wer die Schuldigen geißeln will, der forsche erst in der Brust der Beleidigten.

Und wer von euch im Namen der Gerechtigkeit strafen und die Axt setzen möchte an den Baum des übels, der prüfe erst dessen Wurzeln;

Und wahrlich, er wird finden die Wurzeln des Guten und des Bösen, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, dicht verflochten miteinander im stummen Schoße der Erde.

Und ihr Richter, die ihr gerecht sein möchtet,

Welches Urteil sprecht ihr über jenen, der, so auch rechtschaffen im Fleische, dennoch ein Dieb ist im Geiste?

Welche Strafe verhängt ihr über jenen, der im Fleische erschlägt und doch selber im Geiste erschlagen ist?

Und wie verfolgt ihr jenen, der ein Betrüger und Unterdrücker ist in der Tat,
Und doch selber gröblich beleidigt und gekränkt ist?

Und wie straft ihr jene, deren Reue allein schon größer ist als ihre Missetaten?

Ist nicht Reue das Strafgericht, das durch das Gesetz verhängt wird, dem ihr so gerne dienen möchtet?

Doch ihr vermöget nicht dem Unschuldigen Reue aufzuerlegen, noch das Herz des Schuldigen davon zu befreien.

Ungebeten wird Reue rufen in der Nacht, auf daß der Mensch wach bleibe und den Blick auf sich hefte.

Und ihr, die ihr vorgebet Gerechtigkeit zu verstehen, wie solltet ihr dessen fähig sein, so ihr nicht alle Taten betrachtet, im vollen Lichte?

Erst dann werdet ihr wissen, daß der Aufrechte und Gefallene wie ein Mensch sind, stehend im Dämmern zwischen der Nacht seines Zwergseins und dem Tag seines göttlichen Ich,

Und daß der Eckstein des Tempels nicht höher ist, als der niedrigste Stein im Fundamente.


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